Von „sich aushalten“ zu „sich schätzen“ oder: Die Zeit mit sich selbst

 

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Mein Leben bringt es mit sich, dass ich oft alleine bin. Mittwoch Abend bis Samstag Nachmittag ist mein Sohn bei mir. Die Zeit dazwischen benötige ich zur Erholung dieser intensiven, aber meist schönen Tage.

Über einen längeren Zeitraum habe ich diese Leerzeiten nicht gemocht. Oft unzufrieden mit mir selbst, mit meinem Leben, meinem vermeintlichen Versagen und der grossen Müdigkeit fühlte ich mich nicht gut.

Langsam hat sich das geändert. Die schwierigen Momente sind natürlich noch immer da; jedoch habe ich gelernt, die „Zeit mit mir“ zu mögen. Ich gehe mindestens einmal täglich an die frische Luft, und hin und wieder treffe ich auch jemanden. Und die ehrebamtliche Tätigkeit, die ich gerne noch ausbauen möchte, tut mir sehr, sehr gut. Sie gibt mir Inhalt und Befriedigung.

Seit einiger Zeit ist meine Stimmung während der Alleinzeiten „aufgeräumt“. Das tut gut.

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Ehrenamt. Endlich.

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Was war das für ein anstrengender Schritt. Mit welchen immensen Ängsten hatte ich zu kämpfen. Ich habe eine ehrenamtliche Tätigkeit gefunden, dies bei der „Obdachlosenhilfe Berlin e.V.“ Dieser Verein verteilt mehrfach unter der Woche an verschiedenen Orten Kleider, Toilettenartikel und vor allem: Lebensmittel. Im Vorfeld wird gekocht, das abwechslungsreiche Essen wird warm ausgegeben.

Und: Man kann einfach vorbeigehen. Man muss sich nicht anmelden. Und das mag ich gar nicht. „Einfach hingehen“… Ich hasse das. Was denken die Leute, wenn sie mich sehen? Wie nehmen sie meine Art auf, mein Handeln. Kann ich das überhaupt, Essen ausgeben? Oder Kleider: Woran soll ich die Grösse erkennen? Und mögen sie mich überhaupt?

Die Versagengsängste waren gewaltig. Mich zeigen einer Gruppe von Menschen, die sich schon bestens kennen… Und über mich reden vielleicht…

Beim ersten Termin konnte ich den Treffpunkt nicht finden. Er befand sich, so erfuhr ich hinterher, in einer Kirche…. Die einzige Kirche weit und breit. Ja, ich stand davor, sie war erleuchtet und die Tür war offen… Ich traute mich nicht hinein und ging wieder nach Hause, ich war erleichtert dass ich den Verein nicht gefunden hatte…. Nochmals eine Galgenfrist.

Am kommenden Abend gab es dann keine Gnade: Ich fand die Helfer sofort. Also drehte ich ab, rauchte noch eine Zigarette, sortierte meine Ängste und ging „einfach“ auf sie zu. Und Hoppla: Ich wurde herzlich empfangen, war sofort Teil des Teams. Und es hatte noch drei weitere Neulinge. Alles sehr freundliche, hilfsbereite Menschen, die mich so nahmen wie ich ihnen erschien.

Es war ein schöner Abend, und ein Hochgefühl hinterher.

Gestern war ich wieder dort. Es kam zu interessanten Gesprächen, zufriedenen Gästen und gegenseitiger Sympathie.

Es kann so einfach sein.

Nun, ich akzeptiere meine Ängste. Beim nächsten Mal, wenn ich etwas Neues und Unbekanntes machen werde, werden sie wieder auftauchen. Und ich werde wieder meine Runden drehen. Und am Ende wird alles gut. 🙂

Vergangenheit und Zukunft oder: Das Leben mit Ereignissen anreichern.

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In letzter Zeit werde ich öfters wieder mit Gedanken über mein zurückliegendes Berufsleben überrascht. Und sie sind meist negativ, unfreundlich, kritisch. Das Problem ist altbekannt…. Ich werde nun versuchen, damit mehr mit Gleichgültigkeit und Gedankenkontrolle um zu gehen. Und: Mein aktuelles Leben mit schönen Ereignissen befüllen, damit die Erinnerungen an früher, sei es meine Arbeit oder die Mutter, an Relevanz verlieren. Mal sehen, ob es funktioniert…

Stigmatisierung ohne schlechten Willen

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Die vergangenen Monate konnte ich meinen Bekanntenkreis in Berlin ein wenig ausbauen, es kam zu schönen Begegnungen. Meistens Menschen, die selber auch – mehr oder weniger – von depressiven Episoden betroffen sind. Wir wissen: Solche Episoden machen sehr viele mal mit in ihrem Leben; im Normalfall verfliegen sie wieder, ohne dass es zu einer Depression als Krankheit kommt. So auch bei diesen Menschen. Es stellte sich heraus, dass trotz gewisser Erfahrungen in diesem Bereich nicht automatisch das Verständnis für meine Situation auftritt. Die Tatsache, dass ich eine Rente wegen Arbeitsunfähigkeit beziehe, scheint das Verständnis auch nicht zu fördern. Mir wurde gesagt, ich würde ein Luxusleben führen, ein solch‘ gutes Einkommen ohne Arbeit. Andere sehen nicht ein, wieso mich eine länger als übliche Betreuung an oder über meine Grenzen bringt.

Die Depression als Krankheit, das ist meine Erkenntnis, bleibt ein abstraktes Gebilde, solange man nicht die entsprechende Erfahrung hat.

Auch hier tut also Aufklärung Not. Und die Hoffnung, dass diese Menschen dadurch ein Gefühl der Akzeptanz entwickeln, ohne Neid und Missgunst. Bisher gelingt mir das, so habe ich den Eindruck.

Jene, die mich besser kennen, akzeptieren die Umstände so, wie sie sind. Oft erfahre ich auch mentale Unterstützung und Verständnis.

Dafür vielen Dank!

Vorfall in der Familie: Suizidalität

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Vor einigen Wochen war ich bei meinen Schwiegereltern zu einem familiären Abend eingeladen. Im Vorfeld war ich schon nervös, ich dachte man würde von mir erfahren wollen, was ich denn den ganzen Tag so machen würde…. Dort angekommen, musste ich sofort wieder weggehen: Ich sass vor Ort auf der Aussentreppe und weinte. Gleichzeitig hatte ich psychotische Züge, ich war der fixen Idee erlegen, dass man mir absurderweise das geteilte Sorgerecht unseres Sohnes absprechen wolle. Ich war in heller Panik.

Die Heftigkeit dieser Krise erschütterte mich über eine längere Zeit; so war eine Krise schon lange nicht mehr aufgetreten. Ich hatte mit akuter Suizidalität zu kämpfen. Nun, ich tat, was ich dann meistens tue. Ich legte mich zu Hause sofort schlafen. Die folgenden Tage fühlte ich mich wie auf wackligen Beinen, immer noch schockiert über das Ausmass der Krise. Langsam erholte ich mich wieder.

Zu einem späteren Zeitpunkt fand ein Familientreffen auf dem Land statt. Auch diesmal war ich nervös, traute mich aber, hin zu gehen. Und siehe da: Wie schon vorher wurde ich äusserst herzlich willkommen geheissen, es war herrlich.

Zum Tod meiner Mutter

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Nun ist eingetreten, worauf ich schon lange gewartet habe: Meine Mutter ist verstorben. Dies geschah fast gleichzeitig mit meinem Beginn der Psychotherapie in Berlin, worin meine Mutter eine wesentliche Rolle spielen wird.

Ich hatte mich die vergangenen Jahre schon deutlich von ihr abgegrenzt und mich so massiven Vorwürfen meines nächst älteren Bruders ausgesetzt gesehen. Der aufmerksame Leser dieses Blogs kennt diese Geschichte.

Genauso bin ich nicht an die Beerdigung gegangen, auch dies war – mehr oder weniger – umstritten. Insgesamt erntete ich jedoch Verständnis für diese Entscheidung, gerade auch von meiner Schwiegermutter, was mir sehr wichtig war und ist.

Ich wollte und konnte meine Verwandtschaft nicht sehen, ich hätte mich sehr unwohl und irgendwie ausgeliefert gefühlt: Es sind Menschen, die ich nur noch vom Hörensagen kenne. Was sollte ich ihnen erzählen? Meine komplexe Vergangenheit mit meiner Mutter? Dass ich heute psychisch krank bin und deswegen eine Rente beziehe? Das wäre mir alles zu persönlich gewesen.

Also besuchte ich einige Wochen nach der Beisetzung das Grab mit meinem besten Freund. Wir gingen das Ganze sehr entspannt an, ohne Hektik und grosse Absichten. Schliesslich ging es mir darum, meine Geschichte mit meiner Mutter endlich zu einem Abschluss zu bringen und irgendwie hinter mich zu lassen. Es war allerdings offen, wie es mir vor dem Grab ergehen würde.

Fazit: Es lief hervorragend. Wie schon nach der Todesnachricht vor allem ein Gefühl der Erleichterung eintrat, verbunden mit etwas (wenig) Trauer, stand ich ohne belastende Gefühle vor dem Grab. Ich führte ein kurzes, fiktives Gespräch mit ihr, zündete eine Kerze an. Nach kurzer Zeit verliessen wir den Friedhof.

Die kommenden beiden Nächte hatte ich sie noch „zu Besuch“, es waren die üblichen Träume, die mir Schuldgefühle vermittelten. Seither aber träume ich nicht mehr von ihr. Darüber bin ich sehr erleichtert.